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Eine persönliche Betrachtung des Jubiläumskonzertes "20 Jahre Chorfreundschaft Hamburg-Dresden" von Christian Krebs
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 06. Oktober 2010 um 13:48 Uhr Geschrieben von: Christian Krebs Dienstag, 05. Oktober 2010 um 21:39 Uhr
Geschichtsgedicht
Dieses Chorkonzert und was ihm seit 20 Jahren voraus ging, war einmalig, besonders, historisch bedeutsam, wertvoll, lehrreich für die jüngeren Generationen und es hätte noch weitere Superlative verdient. Nur komisch – es wird in Dresden und im Freistaat Sachsen nicht wahrgenommen, ja selbst in der Sächsischen Polizei negiert. Politiker, Verantwortungsträger und Polizeipräsidenten waren informiert und eingeladen, auch die Medienvertreter. Wo sie am Tag der Deutschen Einheit redeten, repräsentierten und berichteten? Dort, wo seit der Wende deutsch-deutsche Vereinigung in ganz persönlicher und konkreter Form gemeinsam unternommen, gelebt, gefühlt wird, wo man voneinander gelernt und erfahren hat, wo sich der Unterschied von Wessi und Ossi und die scheinbaren Grenzen durch Tolerieren und gegenseitiges Achten in Erlebnissen aufgelöst haben, wo man das Anfassen kann, wovon sie immer reden - bei dem Jubiläumskonzert der "Blauen Jungs" aus Hamburg und dem Polizeichor Dresden jedenfalls nicht.
Man sollte nicht enttäuscht sein und sich dieses Phänomen so einfach erklären, wie es ist. Dass neue und feste Freundschaften zwischen Familien entstehen und andauern, dass man sich gegenseitig besucht, dass man sich über Geburten freut und das Aufwachsen der Kinder interessiert verfolgt, dass man von schlimmen Erlebnissen betroffen ist, dass man nachfragt und sich erklären lässt, sich ärgert und gern an Schönes erinnert – das ist natürlich und menschlich, also ganz einfach. Warum sollte es dann hervorgehoben werden? Die Chöre sollten bei ihren Leisten – nein, Liedern - bleiben.
Man kann es natürlich auch in anderer Form ausdrücken:
Geschichts-
gedicht
Die Blauen Jungs zu bedichten,
ist eine so schwierige Angelegenheit,
wegen der vielen kleinen Geschichten,
dass ich nicht wusste, ob ich je dazu bereit.
Was in zwanzig Jahren passieren kann -
an Hamburger und Dresdner Sängern
hängt das alles in Erinnerungswolken dran.
Auch die Erkenntnis: Alles ist nicht zu verlängern.
Viele sind ungern zu Hause geblieben
Zu viele, man merkt es beim Zählen:
Sie hat der Altersstimmbruch vertrieben,
die schon ganz oben: Sie alle - uns sehr, sehr fehlen.
Das hat mich lange Nächte aufgewühlt,
letzte Nacht bin ich wach geblieben.
Im Konzert hab ich mein Herz deutlich gefühlt,
der Erinnerungspuls war zu hoch getrieben.
Da kam die Idee. Ich habe, weil so munter,
den herzschlagsenkenden Entschluss gefasst:
In noch mal zwanzig Jahren fahr ich die Elbe runter,
und auch wenn es architektonisch nicht passt,
stell ich meinen ganzen Erinnerungsschatz
in Stein gemeißelt, im tieferen Sinn,
in die Mitte vom Hamburger Rathausplatz,
als großes Chor-Freundschafts-Denkmal hin.
Den Sandstein werd ich in einem riesigen Block
aus der Sächsischen Schweiz heraus brechen,
wütend beim Eintreiben von Keil und Pflock
mich für Krankheit und Sängertod rächen.
Ich werd ihn behauen mit großer Wucht,
und einmeißeln die hohe Chor-Singe-Kunst,
dass man Gleiches weltweit sucht,
(Wenn nicht ein Fehlschlag den Stein verhunst.)
Die Sängerbasis unten ist breit am Denkmal,
es hat viele Probenecken und –kanten.
Bis zu den Spitzensolisten oben wird’s schmal
und hat (tatsächlich) keinen Konzert-Qualitäts-Garanten.
Einen kleinen versteckten Denkmalteil
bleibt den Liebesgeschichten vorbehalten
(die manchmal auch heimlich) - weil
sie wieder kitten zwischenchörliche Spalten.
Eine Seite werd ich ehrfurchtsvoll widmen
meinen Lieblingsdirigenten (auch –innen)
als Dank für perfekt getaktete Rhythmen
und das durch sie ausgelöste Tränen-Rinnen.
Bis ich alle Chorgeschichten ganz filigran
aus dem Stein ausgearbeitet habe,
wird mir noch mehr einfallen, spontan.
Ich beeile mich. Ob ich eine Bildhauerpause wage?
Wenn es dann fertig steingemetzt,
mit allen wichtigen Chorbegebenheiten,
wird es vom Kran auf einen Dampfer gesetzt,
der kann bis Hamburg elbabwärts gleiten.
Mit wühlenden Schaufelrädern voraus
tuckert ein Dampfer voller Lieder -
den am Elbufer Winkenden Ohrenschmaus,
selbst den Elbbrücken fährts in die (Ketten-) Glieder.
Jubel gilt den elfengleichen Chor-Mädchen
in ihren fahrtwindgeplusterten Kleideln,
die, klemmt im Schiffsmotor ein Rädchen,
den Denkmalschiffskonvoi weiter treideln.
Von getragener Musik begleitet,
wird im geschmückten Hamburger Hafen
dem Denkmal festlich Empfang bereitet.
Beim diesem Nebelhorntuten kann keiner schlafen.
Am Ziel wird die Liste der Sponsoren verlesen.
Wenn nicht dem Bundeschordachverein.
fiel eine lange Rede ein, wärs das gewesen.
Er ging sogar auf den globalen Chorismus ein.
Bis eine hochwichtige Chorvereinsperson
vorlas, was bisher versteckt unter Bettlakenhüllen:
Nur einen einzigen Satz im wichtigem Ton:
Moment! Psst! (Bis der Kinderwagen aufhört zu brüllen.)
DER DENKWÜRDIGE SANDSTEIN VERKÜNDET:
WIE MAN BEIM SINGEN IM CHOR,
GRENZEN AUFHEBT, FREUDE UND FREUNDE FINDET,
LEBTEN ZWEI CHÖRE VIERZIG JAHRE LANG VOR.
Dresden, Hamburg
3. Oktober 2030
Christian Krebs


